Rätselhafte Bauchbeschwerden
Was hinter dem Reizdarm steckt
Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung – viele Betroffene leiden jahrelang unter Beschwerden, ohne dass sich eine eindeutige Ursache finden lässt. In solchen Fällen gilt das Reizdarmsyndrom (RDS) häufig als Erklärung für die nicht eindeutig zuordenbaren Symptome. Doch handelt es sich dabei nur um eine Modeerscheinung oder um eine ernstzunehmende Diagnose?
Die Kijimea®-Werbung hat dazu beigetragen, dass das Reizdarmsyndrom stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist, wodurch es leichter wird, darüber zu sprechen. Denn Verdauungsbeschwerden betreffen einen sehr privaten Lebensbereich, über den nur ungern geredet wird. Hinzu kommt, dass es sich beim RDS um ein unscharf definiertes Krankheitsbild mit unterschiedlichen Ausprägungen handelt. Entsprechend gibt es keinen eindeutigen körperlichen oder apparativen Befund, anhand dessen das Reizdarmsyndrom sicher diagnostiziert werden kann.
Reizdarm benennen
Viele Betroffene gehen mit Beschwerden zum Arzt und hören nach der Untersuchung: „Sie haben nichts.“ Das hilft nicht weiter und führt meist nur dazu, dass der nächste Arzt aufgesucht wird. Da die RDS-Symptome nicht eindeutig sind und auch andere Erkrankungen bis hin zu Darmkrebs ähnliche Beschwerden verursachen können, ist eine gründliche körperliche und apparative Untersuchung (häufig inklusive Darmspiegelung) nötig. Wird dabei jedoch keine Ursache gefunden, darf das Ergebnis nicht einfach lauten: „Sie haben nichts.“
Es braucht die Magie des Namens – ähnlich wie bei Rumpelstilzchen: Erst, wenn die Müllerstochter den Namen des kleinen Männchens kennt, hat sie Macht über ihn. Genauso benötigen Betroffene einen Begriff, eine positiv gestellte Diagnose, um ihre Beschwerden einordnen und kommunizieren zu können. Ohne diese Diagnose laufen die Beschwerden Gefahr, als „Einbildung“ abgestempelt zu werden. Das ist falsch, auch wenn nicht jede Bauchbeschwerde eine behandlungsbedürftige Erkrankung bedeutet. Da das individuelle Empfinden ein Teil der Diagnosekriterien ist, liegt es letztlich beim Betroffenen selbst, ob eine Erkrankung vorliegt oder nicht.
Diagnosekriterien
Für die Einordnung der Symptome werden Diagnosekriterien herangezogen. Am weitesten verbreitet sind die Rom-IV-Kriterien. Bei den Betroffenen stehen Schmerzen jedoch nicht immer im Vordergrund. Oft ist ein Blähgefühl das Hauptsymptom. Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) berücksichtigt dies stärker. Die Diagnosekriterien im Überblick »
Ursachen
Wie der Name schon sagt, handelt es sich um ein Syndrom, also ein Zusammentreffen verschiedener Symptome. Eine einzelne Ursache gibt es nicht. Verschiedene Modelle versuchen, die Entstehung zu erklären, wobei die einzelnen Faktoren bei jedem Betroffenen unterschiedlich ausgeprägt sein können.
So wird u. a. eine gestörte Schleimhautbarriere für Bakterien gefunden. Teilweise setzt sich eine Darminfektion auch nach Ausheilen der viralen oder bakteriellen Entzündung mit Beschwerden fort (postinfektiöses RDS). Ein Modell, das viele Beschwerden erklären kann, geht von verschobenen Wahrnehmungsschwellen im Nervensystem des Bauchraums aus, sodass Verdauungstätigkeiten, die von anderen gar nicht wahrgenommen werden, von Betroffenen als unangenehm bis schmerzhaft empfunden werden. Eine Aktivierung von Immunzellen im Darm wird beschrieben. Auch eine gestörte Verstoffwechslung von Gallensäuren kann für Probleme sorgen. Von psychosomatischer Seite wird das RDS als somatoforme Störung des Verdauungssystems betrachtet, also als von der Psyche (Seele) verursachte Körperstörung.

Therapie
Das mit Abstand Wichtigste für die Therapie ist das Gespräch mit dem Arzt, in dem das Krankheitsbild mit seinen Facetten und möglichen Ursachen erklärt wird. Daraus ergibt sich: Es gibt nicht die eine Therapie für das Reizdarmsyndrom. Stattdessen muss individuell geprüft werden, welcher Ansatz zum Betroffenen passt – oft bleibt nur Ausprobieren, um herauszufinden, was wirkt. Zu Beginn ist es nicht ratsam, mehrere Therapien gleichzeitig zu starten, da sonst unklar bleibt, welche Maßnahme wirkt. Jede Therapie muss zudem mehrere Wochen verfolgt werden, um über Erfolg oder Misserfolg entscheiden zu können.
Mögliche Therapieansätze können zum Beispiel sein:
- Yoga / Entspannungstechniken
- Krampflösende pflanzliche Mittel, z. B. Pfefferminzöl bei Schmerzen
- Lösliche Ballast- und Faserstoffe wie Flohsamenschalen bei Verstopfung, kombiniert mit ausreichend Flüssigkeit
- Ernährung mit niedrigem Anteil fermentierbarer Zuckerstoffe und Zuckeralkohole (sog. Low-FODMAP-Diät) bei Blähungen oder Durchfall
- Probiotika (Präparate mit „guten“ Darmbakterien)
- psychologische Unterstützung für ein besseres Coping (Umgang mit den Beschwerden und Einordung der Symptome)
Die Behandlung erfordert vom Betroffenen und von den Ärzten, die letztendlich auch nur einen guten Rat geben und begleiten können, viel Zeit und Geduld.
Literatur:
- Viola Andresen, MDa ∙ Jürgen Gschossmann, MDb ∙ Peter Layer, MD: Heat-inactivated Bifidobacterium bifidum MIMBb75 (SYN-HI-001) in the treatment of irritable bowel syndrome: a multicentre, randomised, double-blind, placebo-controlled clinical trial, The Lancet Gastroenterology and Hepatology, Volume 5, Issue 7 p658-666 July 2020
- Update S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Gemeinsame Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM), AWMF-Registriernummer: 021/016; Z Gastroenterol 2021; 59: 1323–1415
Autor

Dr. Wolfgang Kick
Diabetologe und Diabetologe DDG
Chefarzt Innere Medizin Klinik Münchberg